Die Lederfabrik Karl Emmerich in Groß-Umstadt

Im Jahr 1868 gründete Karl Emmerich I. (1842 - 1909) seine Lederfabrik. Zunächst fand das Gerben von Häuten noch im Freien in offenen Fassgruben statt, so wie man es heute teilweise noch in Marokko und in Indien beobachten kann.
Doch relativ schnell kamen ersten Gebäudekomplexe für überdachte und geschlossenen Gruben (ehemaliger Penny-Markt) hinzu.
Je nach Bedarf bzw. wirtschaftlichem Erfolg wurde dann erweitert und angebaut, was die Uneinheitlichkeit des Gebäudekomplexes erklärt.

Eine wesentliche Voraussetzung für die Herstellung von Leder ist Wasser. So war der Standort an der Wächtersbach (sie fließt unter der Fabrik hindurch) zumindest für den Anfang immens wichtig.
Ein weiterer wesentlicher Bestandteil des Gerbprozesses war Eichenrinde. Sie wurde gemahlen, mit Wasser gekocht und nach der Abkühlung zusammen mit anderen natürlichen Zutaten als Gerbessenz genutzt, die regelmäßig erneuert bzw. ausgewechselt werden musste.

Der Schwerpunkt der Lederfabrik bestand in der Herstellung von sogenannten Boden- und Oberleder. Ersteres wurde im wesentlichen für Schuhsohlen benötigt, das dünnere Oberleder für den oberen Teil der Schuhe, für Sattelzeug und für Schwungriemen um Maschinen anzutreiben.

Berühmt wurde der „Gärber Emmerich“, wie er von den Umstädtern immer genannt wurde, aber durch ein spezielles - von seinem Gründer entwickeltes - Verfahren der Dickhäutergerberei. Berühmt deshalb weil es in Europa nur noch in Groß-Britannien und in der Schweiz jeweils eine Firma gab, die sich an derartiges „Gerbabenteuer“ heranwagten.
Denn das Gerben von 2 - 10 cm dicken Elefanten- oder Walrosshäuten brauchte seine Zeit. Sechst bis zehn Jahre lagen sie in der Grube. Sorgsam gehütet, umgeschichtet und immer wieder mit neuer Gerbessenz versorgt. Benötigt wurde dieses sehr verschleißfeste Material im wesentlichen für Polierscheiben für Messer und Scheren, aber bis etwa zum 1. Weltkrieg wurden daraus auch Bremsscheiben für LKW und PKW hergestellt.
Moderne Materialien gab es erst später und was die Polierscheiben für Messer und Scheren betrifft, wurde sie mindestens bis in die 80-iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts genutzt.

In den 60-iger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die Existenz für die Lederfabrik Karl Emmerich immer schwerer.
Unter den Schuhen klebten Gummi- statt Ledersohlen, es mangelte an Effizienz durch das langwierige, natürliche Gerbeverfahren und die ersten Umweltschutzgesetze wurden erlassen.
So wurde die Produktion im August 1969 eingestellt.
Bereits 1968 war in einem Teil der Gerberei der Supermarkt (Billig bei Baier) Groß-Umstadts entstanden, der leider auch andere, kleinere Anbieter vom Markt verdrängte.
Ein wenig beachtetes Novum gab es noch für eine Firma dieser Größenordnung in Groß-Umstadt. Nach dem Tod des dritten Firmenchefs Karl Emmerich II. 1966, wurde die Lederfabrik für fast drei Jahre von einer Frau geleitet.

Firmeninhaber waren:

Karl Emmerich 1. (1842-1909) 1868-1909
Wilhelm Emmerich (1882-1952) 1909-1952
Karl Ermmerich II (1914-1966) 1952-1966
Ortrud Emmerich geb. Kemper (1921-1993) 1966-1969

Von Karl-Friedrich Emmerich